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Wir machen Glauben erlebbar

12.08.2019, 09.50

Auch für Menschen in Gefängnissen sind die katholische und die reformierte Kirche im Kanton Zug da. Das Seelsorgeangebot wird von den Betroffenen sehr geschätzt. Weshalb das so ist, erklärt Stefan Gasser-Kehl im Interview.

Herr Gasser-Kehl, wie ist das Echo der Gefangenen auf das ökumenische Seelsorgeangebot?
In der Strafanstalt Zug wünschen mehr als ein Drittel der Insassen Seelsorgegespräche. Sie sind entweder in Untersuchungshaft oder im Strafvollzug. Im Bostadel liegt der Anteil bei ca. 20 Prozent. Dort handelt es sich um Strafgefangene, die für schwerere Delikte büssen.
Die meisten Häftlinge geben mir positives Echo und äussern explizit Dankbarkeit, mir und der Kirche gegenüber, weil sie mit einer neutralen Person von aussen sprechen können.

Wie sieht ihr Seelsorgeangebot denn konkret aus?
Der Tagesablauf der Gefangenen läuft getaktet, strukturiert und kontrolliert ab. Als Seelsorger habe ich die Chance, diesen Menschen einen freien, unverzweckten Raum anzubieten. Sie dürfen mit jedem Thema zu mir kommen und darüber sprechen, ohne dass jemand etwas vom Inhalt erfährt. Ich unterstehe der Schweigepflicht.

Sie gehen den Verkündigungsauftrag der Kirche also nicht missionarisch an?
Oh nein. Ich schliesse mich Franziskus von Assisi an, der sagt: «Verkündige das Evangelium jederzeit und nur, wenn es absolut notwendig ist, gebrauche Worte.» Mir sagt das Evangelium, dass einzig Gott Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zusammenbringt. Ich versuche, mit Leib und Seele für den Gesprächspartner präsent zu sein, die Begegnung zu gestalten, zuzuhören, allenfalls auch zu konfrontieren, und – wo immer möglich – Bedürfnissen entgegenzukommen.

Welche Bedürfnisse nehmen Sie wahr?
Der Aufenthalt in Untersuchungshaft ist von vielen Unsicherheiten geprägt. Darüber möchten Insassen sprechen. Auch die soziale Einbindung vor Ort oder Kontakt halten mit den Angehörigen sind Themen. Andere bitten mich, ein Gebet zu sprechen, Bibel zu lesen, ein Lied zu singen oder wünschen Empfehlungen, was sie mit der Zeit alleine in der Zelle anfangen sollen.

Wie viel Zeit steht Ihnen für die Seelsorge zur Verfügung?
Über die einzelnen Gesprächszeiten darf ich selbst entscheiden, was ich sehr schätze. In der Strafanstalt Zug, wo ich der einzige christliche Seelsorger bin, stehen mir insgesamt zwei Zeitfenster à vier Stunden pro Woche für die ökumenische Seelsorge zur Verfügung. Im Bostadel sind es drei Stunden für mich als katholischen Seelsorger und weitere drei für meinen reformierten Kollegen. Dort sind wir übrigens auch an Feiertagen präsent. Mit einem Gottesdienst und anschliessendem Beisammensein.

Reichen diese fixen Zeiten aus?
In der Regel ja. Aber in den vergangenen drei Jahren gab es hin und wieder schon ein paar Phasen mit sehr hoher Anfrage.

Was fordert Sie bei Ihrem täglichen Wirken besonders heraus?
Wenn Gefangene glauben, alle um sie herum seien «Rassisten». Oder wenn ich feststelle, dass sich ein Mensch um sich selbst dreht, in Selbstmitleid versinkt und Dialog nicht mehr zulässt.

Erleben Sie auch besonders Schönes?
Aber sicher: Wenn ich am Glück eines Gefangenen über einen positiven Gerichtsentscheid teilhaben kann. Oder wenn ein Häftling den Wunsch äussert, getauft zu werden. Ich empfinde es als beglückend, wenn sich mir ein Mensch im Gespräch anvertraut und sich dabei öffnet. Wenn ich darüber hinaus noch spüre, dass er sich verändern will und seelisch wächst, berührt mich das ganz besonders. Meine Arbeit ist sehr erfüllend; diese so zu erleben verdanke ich der Kirche.

Wie sorgen Sie für Ihre eigene Psyche?
Abgrenzung ist – wie generell in der Seelsorge – wichtig: Ich bin während der Arbeit voll und ganz da, danach aber weg. Es gibt es auch eine Supervisorin, mit der ich mich regelmässig austausche, und an die ich mich im Bedarfsfall jederzeit wenden kann. Eine gute Balance bringt mir überdies der Sport: Ich fahre gerne Velo zusammen mit meiner Frau und spiele mit meinen Kollegen Fussball. Das hält mich körperlich, aber auch geistig fit.

 

Interview: Bernadette Thalmann