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Wir verbinden Kulturen

25.11.2019, 13.02

Die jüngste Kappeler-Veranstaltung des Forum Kirche und Wirtschaft widmete sich dem Thema «Menschenrechte und Wirtschaft». Deutlich offenbarte sich der Zwiespalt, in dem sich unser auf Wachstum ausgerichtetes Wirtschaftssystem befindet.

«Wir tragen die Menschenrechtsverletzungen auf der Haut», sagte Christine Kaufmann in ihrem Eröffnungsreferat des Zyklus «Wirtschaft und Werte» des Forums Kirche und Wirtschaft der Katholischen Kirche des Kantons Zug am Donnerstagabend im Kappeler Gemeindesaal. Der Theologe Walter Ludin habe es in der Einstimmung auf den Punkt gebracht: Nicht Menschenrechte würden verletzt, sondern Menschen.

Paradigmenwechsel im Gange

Anhand des simplen Beispiels eines T-Shirts erklärte die Professorin für öffentliches, Völker- und Europarecht an der Universität Zürich die Schwierigkeit der Unternehmen, die Lieferketten ihrer Produkte frei von Menschenrechtsverletzungen zu halten. Die Textiler zählten zu den anfälligsten Branchen für Kinderarbeit, Ausbeutung und andere Menschenrechtsverletzungen, da sie auf der Welt sehr flexibel unterwegs seien.
Kaufmann berief sich bei ihren Feststellungen unter anderem auf ein Treffen der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Europa), das zwei Tage zuvor in Paris stattgefunden hatte. Thematisiert wurde dort die Tatsache, dass in Usbekistan Kinder unter übelsten Bedingungen als Baumwollpflücker ausgebeutet werden. «Das ist ein eklatanter Verstoss gegen die OECD-Richtlinien», sagte Kaufmann. Als alle Appelle an die Verwaltungsräte der Kleiderfirmen, die ihre Baumwolle aus Usbekistan beziehen, nichts gebracht hätten, seien die Firmen in England wegen Menschenrechtsverletzung eingeklagt worden. Man habe sich dabei auf den Modern Slavery Act 2015 berufen, der eine Klausel beinhaltet, welche sich in Sachen Sklaverei auch an ausländische Zulieferketten richtet. «In vielen Unternehmen ist auf Druck der Öffentlichkeit ein Paradigmenwechsel von freiwillig zu selbstverständlich im Gang.», merkte Kaufmann an. «Die Konzernverantwortungsinitiative kann dieses Umdenken beschleunigen.»

«Sklavenähnliche Arbeitsbedingungen auch in der Schweiz»

Auch die Schweiz habe ein Problem mit sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen, beispielsweise bei ausländischen Haushalthilfen. In Genf, wo das Problem besonders akut sei, habe man deshalb eine Hotline eingerichtet, an die sich betroffene Angestellte wenden können», so Kaufmann weiter. Die Rechtsprofessorin forderte die Hersteller, Distributoren und Kunden auf, die Herkunft von Kleidern und anderen Konsumgütern vor dem Kauf kritisch zu hinterfragen. Woher stammt die Baumwolle und unter welchen Bedingungen wurde sie gewonnen? Wo wurde das Kleidungsstück genäht? Sind die benutzten Substanzen wie Farbe und Bleichmittel umweltverträglich bzw. wurden die Arbeitnehmer im Herstellungsprozess genügend geschützt? Generell: Kamen die Arbeitnehmer zu ihrem Recht und wurden sie anständig entlöhnt?

«Blinde Ecken» in den Unternehmen

Im anschliessenden Podiumsgespräch unter der kompetenten Leitung von Kulturredaktor Christoph Keller zeigte sich dann der Zwiespalt, in dem unsere auf Gewinnmaximierung und schlanke Prozessabläufe optimierte Wirtschaft steckt. Sowohl Liselotte Arni, bei der Grossbank UBS zuständig für den Bereich Umwelt- und Sozialrisiken, als auch Marius Lang, stellvertretender Bereichsleiter Sozialstandards bei der Migros, bekräftigen ihre Sensibilität bezüglich Menschenrechtsverletzungen. Doch beide mussten einräumen, dass sie «blinde Ecken» in den Unternehmen haben, in der die Kontrolle nicht wie gewünscht funktioniert. «Beispielsweise, wenn sich die UBS in zweiter Reihe am Börsengang einer Saudischen Ölförderfirma beteiligt, was im harten Kontrast zum Klimaschutz steht?», wollte Keller wissen. Arni verteidigte das Engagement mit der guten Qualität des Saudischen Öls. Und damit, dass man das globale Wirtschaftssystem, das nun mal einen riesigen Hunger nach Rohöl habe, nicht einfach durch Umlegen eines Schalters von einem Tag auf den anderen ändern könne.

«Kognitive Dissonanzen»

Ähnlich reagierte auch Lang auf das Ergebnis der spontanen Publikumsumfrage von Moderator Keller. Dieser wollte wissen, ob die Leute im Saal bereit wären, für ein T-Shirt ein paar Rappen mehr zu bezahlen, um die Arbeitskräfte in den Ursprungsländern besser zu entlöhnen, was unisono bejaht wurde. Lang kommentierte die Reaktion des Publikums als «kognitive Dissonanz», welche die Migros in ähnlichen Umfragen schon öfters festgestellt habe. Die Kunden hätten zwar gute Absichten, letztlich führe im Laden dann aber doch der günstigere Preis zur Kaufentscheidung.

Der Sozialwissenschaftler Bernd Nilles, Leiter des Hilfswerkes «Fastenopfer», erklärte: «Wir haben ein Wirtschaftssystem geschaffen, das auf der Ausbeutung der entlegensten Gegenden dieser Welt beruht.» Unser Wohlstand dürfe aber nicht das Elend der Ärmsten zur Folge haben. Deshalb sei es wichtig, Unternehmen und Sportverbände wie die Fifa auf die Missstände anzusprechen, wie beispielsweise beim Bau der Fussball-WM-Stadien in Katar, wo Wanderarbeiter wie Leibeigene gehalten würden. Künftige WM-Vergaben sollten an entsprechende Bedingungen geknüpft werden, damit sich derartige Missstände nicht wiederholen würden. In der Schweiz seien die grossen Unternehmen der Welt zu Gast. Deshalb trage die Schweiz auch eine besonders grosse Verantwortung.

 

Martin Platter