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Die Beziehung gehört wieder vermehrt in den Fokus der Psychotherapie. Alois Metz, katholischer Spitalseelsorger in der Klinik Zugersee, und sein Arbeitskollege Benedict Wildeisen, Leitender Psychologe, fordern dies in ihrem neuen Buch.

Benedict Wildeisen, was gab den Anlass für das neu erschienene Buch* mit dem Titel «Liebes Leben in der Psychiatrie. Zwischenmenschliche Beziehungen als Antidepressiva»?

Das Wichtigste in der Psychotherapie ist die therapeutische Beziehung. Hier ist die Studienlage ganz klar. Und entscheidend für die therapeutische Beziehung sind Empathie, positives Beachten und Echtheit. Wenn dies nicht gegeben ist, können wir aufhören.
Leider geht im Moment der Trend in eine andere Richtung, weg vom Fokus auf die therapeutische Beziehung hin zu mehr Technik. Unser Buch soll ein Aufruf, ein Weckruf sein, die therapeutische Beziehung wieder ins Zentrum zu setzen.

Wie entsteht eine tragfähige therapeutische Beziehung?

Eine tragfähige Beziehung kann entstehen, wenn der Therapeut dem Gegenüber mit echtem Interesse und auf Augenhöhe begegnet, wenn er berührbar bleibt, mitfühlend zu verstehen versucht und offen bleibt für die Reaktionen des Vis-à-vis. So entsteht Vertrauen, der Patient oder die Patientin kann sich öffnen, der Genesungsprozess kann beginnen. Dies wird im Buch ausgeführt und erläutert. Martin Buber hat einmal gesagt, der Mensch wird am Du zum Ich. Erst in einer echten Begegnung auf gleicher Höhe wird der Mensch zum Mit-Menschen, wird aus dem Man ein Du und aus dem Es ein Gegenüber.

Alois Metz, was genau findet man in eurem Buch?

Das Buch besteht aus Berichten von ganz unterschiedlichen Menschen, die alle an den hohen Stellenwert von Beziehungen glauben. Sie schreiben darüber, wie sie ihre Beziehungen leben, jeder in seinem eigenen Umfeld. Die Beiträge stammen zwar mehrheitlich aus den Fachbereichen Psychologie, Psychotherapie und Psychiatrie. Aber auch die Kultur ist vertreten – mit Gedanken von Willy Astor (Kabarettist, Musiker und Komponist) und Konstantin Wecker (Musiker, Komponist, Schauspieler und Autor).

Ihr persönlicher Artikel im Buch trägt die Überschrift «Beziehung ist mehr als zwei sich treffende Menschen». Welches ist Ihre Botschaft?

Ich berichte über meine Erfahrungen als Seelsorger in der Klinik Zugersee, wie ich auf die Menschen eingehe, Beziehungen im Sinne unseres Postulats aufbaue und was zurückkommt von denen, die ich begleiten darf. In der Psychiatrie erlebe ich viel Leiden. Dennoch arbeite ich nach all den Jahren immer noch mit Leidenschaft, denn ich erhalte viel zurück. Die Patientinnen und Patienten sind dankbar für meine Arbeit und dies wiederum empfinde ich als Geschenk. Tief in die Seele eines anderen hineinschauen zu dürfen, ist ein grosser Vertrauensbeweis. Das berührt und bewegt mich. In einer Beziehung mit starker gegenseitiger Bezogenheit liegt enormes Potential für die Therapie und ich meine, für das Menschsein überhaupt.

Können Sie ein Beispiel aus dem Klinikalltag erzählen?

Eine 25-jährige Patientin sass gut fünf Jahre wegen einer dissoziativen Störung im Rollstuhl. Obwohl die Beine rein körperlich völlig intakt waren, trennte ihr Gehirn alles unterhalb des Unterleibes ab.  Sie war längere Zeit bei uns und ich lernte sie sehr gut kennen. Neben ihrem Krankheitsbild auch ihre Vorlieben für Indianergeschichten, ihre liebevolle Beziehung zu ihrem elektrischen Rollstuhl, den sie Frida (Name geändert) nannte, ihre Ängste und ihren Humor. Mit Frida und ihr machte ich oft längere Touren. Eis und Schnee konnten uns nicht abhalten und wir lachten auf unseren Erkundungen viel. Aus meinem Bücherregal suchte ich Jugendgeschichten mit Indianern heraus, die ich selbst verschlungen hatte, und gab sie ihr zu lesen oder las ihr vor. So verbrachten wir trotz ihres schweren Krankheitsbildes viele unbeschwerte Stunden. Eines Tages rief sie mich an und fragte mich, ob ich sie besuchen möchte. Ja klar, antwortete ich am Telefon. An Tag des Besuches kam sie mir gehend, mit einem verschmitzten Lachen und voller Stolz entgegen. Wenige Monate nach der Entlassung aus der Klinik hat ihr Gehirn plötzlich ihre Beine erweckt und seitdem übt sie unermüdlich und mit grosser Begeisterung den sicheren Gang.
Tränen der Freude liefen mir über die Wangen.

*A. Metz und B. Wildeisen /Hrsg.): Liebes Leben in der Psychiatrie. Beziehungen als Antidepressivum, Bod-Verlag, Norderstdedt, erste Auflage 2020.

 

Interview: Bernadette Thalmann

 

 

 

 

 

Andrea Koster Stadler wird per Anfang Juni Co-Leiterin von seelsam, der ökumenischen Seelsorgestelle für Menschen mit Beeinträchtigung. Sie folgt auf Anna-Marie Fürst, die auf diesen Zeitpunkt hin seelsam verlässt.

Andrea Koster Stadler (58) ist verheiratet, Mutter von fünf Kindern und wohnt in Sempach (LU). Sie freut sich, ihre breiten Erfahrungen in der Seelsorge bei seelsam einzubringen: «Menschen mit Handicaps berühren mein Herz. Gerne lerne ich von Menschen, die ihr Leben ausserhalb der Norm gestalten. Mit all meinen Kräften und Möglichkeiten möchte ich dazu beitragen, dass Menschen sich gegenseitig finden, stützen und bereichern können.»

Andrea Koster Stadler wurde in Bern geboren. Nach der Lehre als Chemielaborantin absolvierte sie in Bern die Katechetinnen- und Jugendarbeiterinnen-Ausbildung, dann die Ausbildung für körperintegrierendes Coaching und ganzheitliche Beratung. Danach war sie in verschiedenen pfarreilichen und regionalen Anstellungen tätig, zuletzt in der Seelsorge- und Pastoralarbeit der Pfarrei St. Stefan in Sempach, wo sie zusammen mit ihrem Mann als Gemeindeleitungspaar wirkte. Ihre Kompetenzen baute sie in verschiedenen Weiterbildungen aus, beispielsweise in der Gruppensupervision, in der Katastrophenseelsorge und Sterbebegleitung. Beim Hilfswerk Fastenopfer amtiert sie als Stiftungsrätin.

Dank an Anna-Marie Fürst

Anna-Marie Fürst (66) verlässt seelsam nach 8 Jahren Einsatz. In einem Teilzeitpensum wird sie weiterhin in der Gefängnisseelsorge tätig sein. Im Namen des VKKZ-Präsidiums dankt ihr Markus Burri, Gesamtleiter Fachstellen der Katholischen Kirche Zug, herzlich für ihr grosses Engagement: «Seit vielen Jahren ist Anna-Marie Fürst das prägende Gesicht seitens der katholischen Kirche bei Menschen, die eine körperliche oder geistige Beeinträchtigung haben. Zusammen mit ihrem reformierten Arbeitspartner hat sie so manchen Gottesdienst und geselliges Treffen organisiert. Ihren herzlichen Umgang bei den Gottesdiensten durfte ich persönlich erleben. Ich danke ihr für das gewissenhafte und kompetente Engagement und für das gute Miteinander. Für die Zukunft wünsche ich ihr alles Gute und Gesundheit.»

Artikel «Wie eine grosse Seele» zum Abschied von Annamarie Fürst im Pfarreiblatt

Am 29. August findet im reformierten Kirchenzentrum Hünenberg um 14.30 Uhr ein Abschieds- und Begrüssungs-Gottesdienst statt.

 

Bernadette Thalmann

 

In der Klinik Zugersee in Oberwil gilt ein Besuchsverbot. Auch die Angebote für Patienten wie das Abendgebet und die Meditation fallen aus. Gefragter denn je sind deshalb die Dienste des Klinikseelsorgers Alois Metz.

Alois Metz, wie hat sich der Klinikalltag in den vergangenen Wochen verändert?

Es gibt keine Angebote mehr mit mehreren Patienten. Das Abendgebet, die Meditation und die Philosophische Runde fallen aus. Um das Besuchsverbot sicherzustellen, stehen Securitas-Leute am Haupteingang. Die übrigen Eingänge sind geschlossen. Damit soll verhindert werden, dass das Virus in die Klinik eindringt. Aber als Seelsorger in der Psychiatrie dürfen wir noch zu den Patienten und Stationen gehen.

Wie hat sich die Nachfrage nach Seelsorge entwickelt?

Sobald ich auf Station komme, steuern Patienten auf mich zu, da sie unbedingt reden wollen. Ganz klar: Sie brauchen etwas Abwechslung in der Zeit der «Quarantäne», denn viele Patienten dürfen nur mit Personal nach draussen gehen. Mein Alltag ist voll gefüllt mit Einzelgesprächen mit Patientinnen und Patienten. Ich habe einen Schrittzähler am Handy und der zeigt 28’000 Schritten pro Tag an. Bei mindestens 25’000 davon handelt es sich um Spaziergänge mit Patienten.

Wie, ausser mit Gesprächen, kann man sich jetzt gegenseitig Mut machen?

Viele Patientinnen und Patienten und vermutlich auch Mitarbeitende zünden vermehrt Kerzen an. Ich fülle die beiden Kerzenständer in unserer Kapelle häufiger auf als sonst. Eine grosse Kerze, die am Fenster der Kapelle steht, hüte ich, damit sie nie ausgeht in der Zeit der Corona Krise.

Wie geht es euch im Team?

Mein Kollege hatte leichtes Fieber, keine Covid 19 Infektion, doch aus Sicherheit muss er eine Woche zu Hause bleiben. Ich persönlich versuche weiterhin, ruhig zu bleiben, denn die angespannte Atmosphäre im Haus ist deutlich zu spüren. Die täglich schärferen Sicherungsmassnahmen lösen bei vielen Angst aus. So wirken hier Menschen mit Ruhe und Gelassenheit wie gute Medizin.
Für Ostern habe ich ganz viele Schoggihasen gekauft. Alle austretenden Patientinnen und Patienten erhalten jetzt schon einen davon. Zudem freue ich mich darüber, dass uns der Frühling in kleinen Schritten unaufhaltsam entgegenkommt.

 

Interview: Bernadette Thalmann

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